Was eine Cloud-Migration wirklich kostet

Die Frage nach den Kosten einer Cloud-Migration wird fast immer zu eng gestellt. Gemeint ist der Umzug — gefragt werden müsste nach drei Beträgen: was der Umzug kostet, was der Betrieb danach kostet und was in der Übergangszeit doppelt bezahlt wird.

Der dritte Betrag ist der, der Wirtschaftlichkeitsrechnungen kippen lässt. Er taucht in keinem Angebot auf, weil ihn kein Dienstleister in Rechnung stellt — er entsteht im eigenen Haus, während die alte Umgebung noch läuft.

Kurz gesagt

Eine Cloud-Migration im Mittelstand kostet in drei Blöcken: das Projekt selbst, den laufenden Betrieb danach und den Parallelbetrieb dazwischen. Für das Projekt nennen Anbieter Spannen von etwa 14.000 bis über 200.000 € netto — die Streuung erklärt sich fast vollständig aus der gewählten Strategie: Ein reiner Umzug ohne Umbau liegt am unteren Rand, ein Umbau der Anwendungen am oberen. Der laufende Betrieb ist selten günstiger als vorher; wirtschaftlich wird die Migration meist über Flexibilität, Ausfallsicherheit und wegfallende Hardware-Investitionen.

Block 1: das Projekt

Die kursierenden Zahlen wirken auf den ersten Blick beliebig. Ein Anbieter nennt für Cloud-Migrationen eine Spanne von rund 14.000 bis 210.000 € zzgl. MwSt. — ein Faktor von fünfzehn zwischen unterem und oberem Rand.

Aufgelöst wird die Spanne durch die Migrationsstrategie. Wer Systeme unverändert verschiebt, zahlt Aufwand für Planung, Übertragung und Test. Wer sie im selben Zug umbaut, zahlt zusätzlich Entwicklungsarbeit — und die dominiert dann die Rechnung.

Wie die Strategie den Projektaufwand bestimmt
Vorgehen Was geleistet wird Relativer Aufwand
Rehost („lift and shift“) unverändert verschieben, gleiche Struktur Basis
Relocate ganze Virtualisierungsschicht umziehen Basis bis leicht darüber
Replatform Anpassung, etwa Datenbank als verwalteter Dienst 2- bis 3-fach
Repurchase durch ein SaaS-Produkt ersetzen projektabhängig, oft geringer
Refactor Anwendung umbauen ein Vielfaches

Für den Mittelstand ist die praktische Konsequenz klar: Rehost zuerst, Umbau später und nur dort, wo er sich rechnet. Auch die Praxisleitfäden großer Anbieter raten davon ab, umfangreiche Migrationen mit Refactoring zu verbinden — es bindet genau die Kapazität, die der Umzug braucht, und macht Fehler schwerer zuzuordnen.

Was im Projektbetrag steckt

Die Posten ähneln sich über Anbieter hinweg: Bestandsaufnahme und Abhängigkeitsanalyse, Zielarchitektur, Einrichtung der Umgebung, Datenübertragung, Tests, Umstellung, Nacharbeit. Dazu kommt intern Zeit — für Abstimmung, Tests durch die Fachbereiche und die Begleitung der Umstellung.

Die interne Zeit fehlt in praktisch jedem Angebot, weil sie niemand in Rechnung stellt. Sie ist trotzdem real: In mittelständischen Projekten liegt sie erfahrungsgemäß in derselben Größenordnung wie der externe Aufwand für Test und Abnahme.

14–210 T€genannte Spanne für Migrationsprojekte, netto
3Kostenblöcke: Projekt, Betrieb, Parallelbetrieb
Wochendauert der Parallelbetrieb typischerweise — und kostet doppelt
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Block 2: der Betrieb danach

Hier liegt das häufigste Missverständnis. Die Cloud ist selten billiger als eine abgeschriebene eigene Infrastruktur — sie ist anders finanziert.

Statt einer Investition alle fünf Jahre entstehen laufende Kosten. Statt Kapitalbindung Flexibilität. Statt eigener Wartung ein Betriebsmodell, das der Anbieter trägt. Das ist wirtschaftlich attraktiv, aber es ist keine Ersparnis im Sinne einer kleineren Zahl.

Wer den Vergleich sauber rechnen will, muss auf der Seite der eigenen Infrastruktur alles ansetzen, was dort ebenfalls anfällt: Hardware und ihre Abschreibung, Wartungsverträge, Strom und Kühlung, Raum, Sicherung, und vor allem die Arbeitszeit für Betrieb und Störungsbeseitigung. Diese Positionen werden regelmäßig zu niedrig angesetzt, weil sie über verschiedene Kostenstellen verteilt sind.

Was nach der Migration wegfällt

  • + Hardware-Investitionen im Fünfjahreszyklus
  • + Wartungsverträge für Server und Speicher
  • + Strom, Kühlung, Raumkosten
  • + Arbeitszeit für Hardware-Störungen

Was neu hinzukommt

  • Monatliche Verbrauchskosten, dauerhaft
  • Ausgehender Datenverkehr, schwer planbar
  • Lizenzen im Stundenpreis, sofern nicht eingebracht
  • Aufwand für Kostensteuerung, der vorher entfiel

Block 3: der Parallelbetrieb

Zwischen dem Umzug eines Systems und der Abschaltung des alten liegt eine Phase, in der beides läuft. Sie ist notwendig — niemand schaltet die alte Umgebung ab, bevor die neue sich bewährt hat —, und sie kostet doppelt.

In der Praxis dauert diese Phase länger als geplant, weil die Abschaltung keine Frist hat. Der Umzug hat einen Termin, die Abschaltung nicht. Also bleibt die alte Umgebung „vorerst noch“ stehen, und aus vorerst werden Monate.

Der einfachste Gegenzug ist ein festes Abschaltdatum, das gemeinsam mit dem Umzugstermin beschlossen wird — mit einer benannten Person und einem Kriterium, wann abgeschaltet werden darf. Ohne diese Festlegung frisst der Parallelbetrieb einen erheblichen Teil der erwarteten Einsparung des ersten Jahres.

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Eine Beispielrechnung über fünf Jahre

Zahlen aus Angeboten lassen sich schlecht vergleichen, weil sie unterschiedliche Zeiträume abbilden. Der Vergleich wird erst brauchbar, wenn beide Seiten über denselben Zeitraum gerechnet werden — üblich sind fünf Jahre, weil das dem Hardware-Zyklus entspricht.

Für einen Betrieb mit einem Serverraum, zwei physischen Hosts und rund einem Dutzend virtueller Maschinen sieht die Gegenüberstellung typischerweise so aus. Die Werte sind Größenordnungen zur Veranschaulichung, keine Angebotspreise.

Fünfjahresvergleich: eigene Infrastruktur gegen Cloud (Beispielgrößenordnungen)
Position Eigene Infrastruktur Cloud
Anschaffung Hardware einmalig, im Jahr 0 und 5 entfällt
Wartungsverträge jährlich entfällt
Strom, Kühlung, Raum laufend, oft nicht zugeordnet entfällt
Laufender Betrieb Arbeitszeit intern monatliche Verbrauchskosten
Migrationsprojekt entfällt einmalig, im Jahr 0
Parallelbetrieb entfällt einmalig, Wochen bis Monate
Ersatzbeschaffung Jahr 5 erneut fällig entfällt

Die vorletzte Zeile ist der Punkt, an dem sich die Rechnung meist dreht. Solange die vorhandene Hardware abgeschrieben ist und läuft, gewinnt sie fast jeden reinen Kostenvergleich. Sobald die Ersatzbeschaffung ansteht, ändert sich das Bild schlagartig — und genau dann fällt die Entscheidung in den meisten Betrieben.

Daraus folgt eine praktische Empfehlung zum Zeitpunkt: Die Migration am Ende eines Hardware-Zyklus zu planen, nicht mittendrin. Wer zwei Jahre nach der letzten Beschaffung migriert, zahlt die Abschreibung weiter und die Cloud dazu.

Was die Rechnung vollständig macht

Am Ende soll eine Zahl stehen, die die Geschäftsführung mit dem Status quo vergleichen kann. Dafür müssen Posten aus mindestens vier Systemen zusammenkommen: die Cloud-Abrechnung, die Rechnungen der Dienstleister, die Lizenz- und Wartungsverträge und die Anlagenbuchhaltung für die abgelöste Hardware.

Solange diese Angaben getrennt bleiben, gibt es keine belastbare Antwort — nur vier Teilantworten, die niemand zusammenführt. Werkzeuge, die Verträge, Lizenzen und Kontobewegungen in einer Ansicht bündeln, setzen genau an dieser Stelle an, weil die Frage nach den Gesamtkosten sich nicht in der Cloud-Konsole beantworten lässt.

Vier Fragen vor dem Angebot

  1. Welche Strategie je System? Rehost, Replatform oder Retire — die Antwort bestimmt den Aufwand stärker als jeder andere Faktor.
  2. Was wird gar nicht migriert? Jedes abgeschaltete System spart Projektaufwand und laufende Kosten. Das ist die einzige Position mit sicherem Ergebnis.
  3. Wie lange läuft der Parallelbetrieb? Mit festem Abschaltdatum und benannter Zuständigkeit, nicht als Absichtserklärung.
  4. Was kostet der Rückweg? Volumen des Datenabzugs, Dauer, Gebühren — einmal durchgerechnet, auch ohne Wechselabsicht.

Wer diese vier vor der Angebotsanfrage beantwortet, bekommt vergleichbare Angebote statt vier verschiedener Interpretationen derselben Aufgabe.

Woran Angebote sich unterscheiden, obwohl sie dasselbe versprechen

Zwei Angebote für dieselbe Migration können um den Faktor drei auseinanderliegen, ohne dass eines davon unseriös wäre. Drei Punkte erklären die Differenz fast immer.

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Der Umfang der Bestandsaufnahme. Manche Anbieter kalkulieren eine gründliche Abhängigkeitsanalyse ein, andere setzen die Systemliste des Kunden als gegeben voraus. Der zweite Weg ist günstiger — bis im Projekt auffällt, dass zwei Systeme miteinander sprechen, die niemand auf dem Zettel hatte.

Wer testet. Übernimmt der Dienstleister die fachlichen Tests oder nur die technischen? Fachliche Tests kann letztlich nur beantworten, wer die Anwendung nutzt — sie tauchen deshalb entweder im Angebot auf oder als interne Zeit, die niemand budgetiert hat.

Was nach der Umstellung passiert. Enthält das Angebot eine Nachbetreuungsphase? Die Wochen nach der Umstellung erzeugen erfahrungsgemäß den größten Klärungsbedarf — Berechtigungen, Schnittstellen, Sicherungen. Ohne vereinbarte Nachbetreuung wird daraus Aufwand nach Stundensatz.

Diese drei Punkte gehören in jede Angebotsanfrage, weil sie den Vergleich überhaupt erst ermöglichen. Ein Angebot ohne sie ist keine Kalkulation, sondern eine Schätzung.

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Häufige Fragen

Was kostet eine Cloud-Migration im Mittelstand?

Anbieter nennen Spannen von etwa 14.000 bis über 200.000 € netto für das Projekt. Die große Streuung erklärt sich fast vollständig aus der Strategie: Ein reiner Umzug ohne Umbau liegt am unteren Rand, ein Umbau der Anwendungen am oberen. Dazu kommen laufende Betriebskosten und der Parallelbetrieb während der Übergangszeit.

Wird der Betrieb nach der Migration günstiger?

Selten im Sinne einer kleineren Zahl. Die Kosten verschieben sich von Investitionen zu laufenden Ausgaben. Wirtschaftlich wird die Migration meist über Flexibilität, Ausfallsicherheit und den Wegfall von Hardware-Investitionen — nicht über einen niedrigeren Monatsbetrag.

Was ist der Parallelbetrieb und warum kostet er?

Die Phase, in der alte und neue Umgebung gleichzeitig laufen — notwendig, weil niemand die alte Umgebung abschaltet, bevor sich die neue bewährt hat. Sie dauert in der Praxis länger als geplant, weil der Umzug einen Termin hat und die Abschaltung nicht. Ein festes Abschaltdatum mit benannter Zuständigkeit begrenzt den Posten.

Sollte man während der Migration modernisieren?

Bei umfangreichen Vorhaben raten die Praxisleitfäden großer Anbieter davon ab. Refactoring bindet genau die Kapazität, die der Umzug braucht, und erschwert die Fehlersuche: Geht etwas schief, ist unklar, ob es am Umzug oder am Umbau liegt. Erst umziehen, dann modernisieren.

Welche Kosten werden am häufigsten vergessen?

Drei: die interne Arbeitszeit für Abstimmung und Tests, der Parallelbetrieb während der Übergangszeit und der ausgehende Datenverkehr im späteren Betrieb. Alle drei stehen in keinem Angebot, weil sie kein Dienstleister in Rechnung stellt — real sind sie trotzdem.